
Die Geschichte der heutigen „Seeburg“ begann am 9. Juni 1892 mit dem Tode Theodor Willes. Der Hamburger Großkaufmann hinterließ als geborener Kieler in seinem Testament seiner Vaterstadt 2 Millionen Reichsmark mit der besonderen Bestimmung, dass von den Zinsen ein Teil auch für die Zwecke der Universität zu verwenden sei.
Nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Universität um dieses Erbe beschloss das Konsistorium der Universität am 21. Juni 1899, die Willestiftung für Zwecke zu verwenden, welche der Gesundheit zugute kommen, und zwar in erster Linie zur Errichtung eines Gebäudes mit einem Studentenkasino, einer Lesehalle nebst Sitzungszimmern für wissenschaftliche Vereine und eventuell unter Anschluss einer "Turn- und Fechthalle".
Mittlerweile hatte man ein städtisches Grundstück direkt an der Förde als Standort für das geplante Projekt ins Auge gefasst, das noch bebaut war. Dieser Vorgängerbau, der angeblich wegen seiner kompakten Bauweise vom Volksmund „Seeburg“ getauft worden war, musste wegen Befalls mit Hausschwamm jedoch abgebrochen werden. Die konkrete Planung für einen Neubau wurde 1907 dem Reformarchitekten Theodor Fischer (Stuttgart / München) übertragen. Nach ausführlicher Planungsphase, die durch wiederholte Einsparungen gekennzeichnet war, konnte am 14. Mai 1909 in feierlicher Weise der Grundstein gelegt werden.
Am 12. November 1910 wurde die Seeburg vom Rektor der Universität Kiel, Prof. Dr. Götz Martius, in Anwesenheit von Prinz Waldemar von Preußen, Vertretern von Behörden, Professoren und Studenten feierlich eingeweiht. Martius führte in seiner Festrede aus, dass hier „ein Heim, ein Haus, ein Kasino für Studierende“ entstanden war.
Im Erdgeschoss befanden sich Speise- und Lesezimmer, im Obergeschoss vor allem der Festsaal und kleinere Versammlungsräume. Das Dachgeschoss wurde für eine Hausmeisterwohnung und für die erforderlichen Wirtschaft- und Personalräume genutzt. Durch die Hanglage entstand auf der Seeseite ein zusätzliches volles Untergeschoss, welches schon damals Räume für Boote und Gerät bot. Die repräsentativen Räume orientieren sich zur Förde hin, wobei die Geschosse entsprechend der jeweiligen Nutzung gestaffelt waren. Zur Wasserseite dominierte der zweigeschossige Saal, der die Dreiteilung der symmetrisch gegliederten Fassade unterstrich. Diese Gestaltung mit ihrem noblen und repräsentativen Gesamteindruck machte die Fördeseite zur Schaufassade.
Auch der volkstümliche Name „Seeburg“ muss den Architekten Fischer inspiriert haben, denn den Hauptzugang von der Straßenseite betonte er noch ganz in historistischer Tradition durch ein vorgesetztes Portal in Form eines Burgtores. Über diesem prangte das aus Sandstein gehauene Wappen der Christiana-Albertina. Noch bis in die fünfziger Jahre hatte diese Eingangssituation Bestand, heute hängt der Wappenstein im Haupttreppenhaus des Auditoriums Maximum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Als erste Hochschule in Deutschland hatte die Kieler Universität eine Mensa für Studenten im nördlichen und ein separates Speiseangebot für Dozenten und Assistenten im südlichen Flügel.
1913 wurde die Seeburg durch eine von Anfang an geplante Doppelkegelbahn mit offener Terrasse nach Süden erweitert, die durch den Pavillon mit "Kaiserzimmer" nach Süden abgeschlossen wurde; 1915 durch eine rechtwinklig gestellte Boots- und Fechthalle nach Norden. An der Südwand des Pavillons ist eine steinerne Gedenktafel zu Ehren des 25jährigen Thronjubiläums Kaiser Wilhelms II. angebracht. (S. Ansichten)
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zum Teil zerstört und 1949 vereinfacht wieder aufgebaut. Der neubarocke Mittelrisalit mit den seitlichen Treppenhäusern an der Fördeseite wurde durch einen schlichten rechteckigen Bauteil und das hohe Mansarddach durch ein flaches Walmdach ersetzt. Geblieben sind die breiten rundbogigen Öffnungen im Sockelgeschoss, wo sich heute auch das Lokal „KIELLINIE No 1“ befindet.
Die Universität verpachtete am 30. April 1997 nach einer langen Phase des Umbaus und der Modernisierung die Restauration in der Seeburg dem Studentenwerk Schleswig-Holstein.
Quellen:Kienle, Renate: Das Studentenhaus Seeburg der Universität zu Kiel von Theodor Fischer. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Bd. 77 (1991) S. 26-40.
Wilde, Lutz (Bearb.) u. a.: Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel. Neumünster 1995. (Sonderveröffentlichung Bd. 29 der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte in Verbindung mit dem Landesamt für Denkmalpflege) S. 262.
Bröcker, Paul: Das Studentenhaus Seeburg in Kiel. In: Der Profanbau. Zeitschrift für Architektur und Bauwesen, Jg. 1912, S. 191 – 206.